
Interview vom 23.10.2008
Sie hat uns die unglaublichen Geschichten von Nihal und Dubhe, dem Tyrannen und seiner Sekte erzählt. Bevor wir uns jetzt erneut in die Aufgetauchte Welt begeben und eine neue Heldin, Adhara, kennenlernen, haben wir ein langes Gespräch mit der Autorin Licia Troisi geführt.
Ich bin in Rom geboren und lebe dort auch. Meine beiden Leidenschaften sind das Schreiben und die Astrophysik. Momentan arbeite ich an meiner Doktorarbeit.
Indem ich viele Opfer bringe. Es ist nicht so schwierig, meine beiden Berufe zu vereinbaren. Viel schwieriger ist es, neben dem Schreiben und der Astrophysik auch noch ein Privatleben zu führen: Freunde zu treffen und etwas Zeit für mich zu haben, ist nicht ganz einfach. Die Zeit für Entspannung und Vergnügen muss ich mir von meiner Arbeit abzweigen.
Ich schreib vor allem abends, nach dem Essen. Bevor ich anfange, surfe ich etwas durchs Internet, um mein Hirn frei zu machen. Ich versuche, immer eine gewissen Anzahl an Seiten pro Abend zu schreiben, und das möglichst jeden Abend. Wenn ich fertig bin, schaue ich zur Entspannung etwas fern.
Ich bin immer noch auf dem Weg, aber das empfinde ich als etwas Positives: Wenn man angekommen ist, hat man möglicherweise nichts mehr zu erzählen. Und ich hab noch so viel zu erzählen.
Ich höre gern Musik und schaue leidenschaftlich gern Filme, vor allem us-amerikanische. Seit einem Jahr versuche ich, Gitarre zu lernen. Das Lesen ist natürlich ein wichtiger Teil in meinem Leben, ohne das könnte ich nicht schreiben. Ich lese alles, von Fantasy über Erzählungen bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen. Lieblingsautoren habe ich eigentlich nicht, doch bei der Fantasy schätze ich Jonathan Stroud sehr, und einige Bücher von Camilleri gefallen mir. Aber es gibt generell viele Bücher, die ich mag: „Der Name der Rose“ von Umberto Eco ist mein allerliebstes.
Meine erste Erinnerung an das Lesen stammt von Weihnachten 1986. Ich hatte gerade erst lesen gelernt, als mir mein Onkel und meine Tante ein Buch schenkten, das die Geschichte des Disney-Films „Alice im Wunderland“ erzählte. Damals fiel es mir noch schwer zu lesen, und ich fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang, aber ich hab nicht aufgegeben, denn es machte einfach zu viel Spaß. Die fantastische Literatur habe ich zusammen mit meinem Ehemann entdeckt. Wir waren beide von der Fantasy-Welt fasziniert, kannten uns aber kaum aus. Daher haben wir dann die unterschiedlichsten Bücher gelesen. An meinen ersten Fantasy-Titel erinnere ich mich nicht mehr, wahrscheinlich etwas von Bradley oder Tolkien.
Es gibt keinen Autor, der mich im Besonderen anregt, sondern viele verschiedene Bücher haben mich geprägt und fließen in meine Texte ein.
Ich lese von allem etwas. Besonders mag ich die italienischen Noir-Geschichten.
Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Im Bereich des Schreibens gibt es noch so viele unbekannte Bereiche. Das gilt genauso für das Lesen. Und was das Kennenlernen angeht: Ich bereite mich auf den Moment vor, an dem ich Muse interviewen kann, meine absolute Lieblingsband.
Flos Duellatorum, ein Traktat über die Fechtkunst aus dem 15. Jahrhundert.
Es gibt unendlich viele schöne Bücher. Drei haben mich in letzter Zeit sehr beeindruckt: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano, „La gang dei sogni (Die Gang der Träume)“ von Luca di Fulvio und „Gomorrha“ von Roberto Saviano.
Irgendwie habe ich schon immer gespürt, dass ich was erzählen muss, selbst als ich noch ganz klein war und gerade erst sprechen konnte. Ich habe also schon früh angefangen und mit sieben Jahren Märchen geschrieben, die von meinen Kinderspielen handelten. Das „Trainingslager“ war natürlich das Tagebuch. Dort habe ich nicht nur erzählt, was ich alles so erlebte, sondern auch nach einem eigenen Stil gesucht, indem ich manchmal völlig irre Überlegungen aufschrieb oder auch schlecht gelungene Erzählungen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es zumindest am Anfang besser ist, ganz einfach zu schreiben.
Sie entstehen aus dem täglichen Leben, aus den Überlegungen, die ich anstelle, aus den Landschaften, die mich zutiefst beeindrucken. Normalerweise weiß ich am Anfang nicht, warum ich mich für eine Geschichte entschieden habe und nicht für eine andere. Aber im Laufe der Zeit wird mir die enge Verbindung zwischen meinen eigenen Erfahrungen und dem, was ich schreibe, bewusst.
Die Figuren erfinde ich, aber die Helden tragen oft Charaktereigenschaften von mir.
Ein bisschen von beidem. Man braucht sicherlich ein Minimum an Begabung, eine besondere Sensibilität, doch der Rest ist Arbeit. Denn das Schreiben ist auf jeden Fall eine Technik, die man lernen kann, vor allem durch ständiges Üben und die Auseinandersetzung mit anderen Autoren.
Ich neige dazu, sehr schnell und instinktiv zu schreiben, jedenfalls bei der ersten Fassung. Dann werde ich methodischer und überlege beim Redigieren mehr. Ich schreibe ausschließlich in chronologischer Reihenfolge, denn zuerst muss ich mir die Geschichte selbst erzählen, sonst macht es mir keinen Spaß.
Ich versuche die Figuren im Griff zu behalten, doch manchmal machen sie sich selbstständig. Meistens haben sie dann auch Recht damit.
Die Idee lag ein bisschen in der Luft, denn ich spürte, dass die Leser Bilder von den Bewohnern der Aufgetauchten Welt sehen wollten. Dann reifte das Projekt heran, Mondadori hat das Konzept eingekauft, und wir fingen an zu arbeiten. Es war sehr amüsant, denn hier haben mich die Zeichnungen von Paolo zu den Texten über die Wesen angeregt, und nicht umgekehrt.
Die Heldin in diesem Band ist ein bisschen untypisch für mich: Dubhe und Nihal waren besessen von einer sehr schrecklichen Vergangenheit. Adhara hingegen weiß nicht, wer sie ist und woher sie kommt. Die Aufgetauchte Welt ist für sie eine fremde Welt, die sie nicht kennt. Es war lustig, denn durch sie habe ich auf gewisse Weise die Aufgetauchte Welt neu entdeckt. Die Überarbeitung der Geschichte war ziemlich anstrengend. Den dritten Teil musste ich komplett neu schreiben und den ersten anpassen, aber jetzt bin ich mit dem Endergebnis sehr zufrieden, vielleicht sogar mehr als bei den beiden Vorgänger-Trilogien. Ich hoffe, dass das Buch genauso begeistert, wie die anderen, und die Leser auch wieder die versteckten Botschaften zwischen den Zeilen entdecken.
Momentan arbeite ich an dem zweiten Teil des „Drachenmädchens“.
Wenn man Erfolg hat, ja. Für mich ist das Schreiben momentan ein Teil meines Lebens, der sehr wichtig und unverzichtbar ist, aber eben nur ein Teil. Ich möchte nicht nur diese eine Arbeit machen, die Astrophysik liegt mir immer noch sehr am Herzen.
Ich mag bestimmte Charakteristiken der Ausstattung. Die Möglichkeit, Duelle mit blanken Waffen zu beschreiben, hat mich immer schon fasziniert. Und ich mag den starken Einfluss der Natur-Elemente. Was ich nicht mag, ist die übertriebene Rhetorik in manchen Fantasy-Romanen, vor allem auf der Sprachebene. Ich glaube, dass moderne Epen auch eine moderne Sprache erfordern.
Das hat vermutlich viel damit zu tun, dass Fantasy auf eine „höhere“ Dimension der Existenz verweist. Sie erzählt von Welten, in denen Ideale noch einen starken Wert besitzen, in denen die Figuren von heftigen Gefühlen geleitet werden. Wir hingegen leben in einer Zeit der Trägheit. Wer hier an einem Ideal festhält oder an eine bessere Welt glaubt, gilt im besten Fall als total romantisch, im schlimmsten Fall jedoch als jemand, der die Wirklichkeit nicht wahrhaben will. Doch der Mensch ist auch ein Ideal, und das darf nicht einfach unterdrückt werden. In der Fantasy gibt es dafür noch Platz.
Keine Ahnung. Es scheint sich guter Gesundheit zu erfreuen, momentan jedenfalls. Ich hoffe, dass es auf dem Weg weitermacht, den andere Genres vor ihm beschritten haben: Dass sich der Kreis der wenigen Anhänger vergrößert, dass das Genre auch ein größeres Publikum erreicht und auch von den Kritikern geschätzt wird.
Das Problem ist, dass in Italien das Prinzip herrscht, wer andere unterhält, wird nur als mittelmäßig eingestuft. Das trifft auf so gut wie alles zu: das Kino, die Musik, die Literatur. Ich glaube jedoch, ein Schriftsteller darf niemals vergessen, seinen Leser zu unterhalten (im weitesten Sinne, denn jeder Leser amüsiert sich auf seine Art). Fantasy ist meiner Meinung nach dafür am besten geeignet: Sie stimuliert das Gefühl fürs Wundersame, sie fesselt und erzählt zudem ursprüngliche, archetypische Geschichte, die einen starken metaphorischen Sinn haben. Das ist also nicht nur Amüsement, sondern auch sinnvoll.
Auch wenn es nur reine Unterhaltung zum Selbstzweck wäre, fände ich das überhaupt nicht schlecht. Ich ziehe gute Unterhaltung einem Buch vor, das sich zu ambitionierte Ziele setzt und diese dann nicht erreicht. Auf jeden Fall ist kein Buch nur Unterhaltung zum Selbstzweck: Denn nach der Lektüre ist man immer irgendwie verwandelt.
„Bartimäus - Die Pforten des Magiers“ von Jonathan Stroud.
Ich habe Francesco Falconi, Silvana De Mari, Michele Giannone und Andrea D’Angelo gelesen. Aus experimenteller Sicht finde ich das interessant. Jeder Autor schlägt seine eigene Interpretation des Genres vor und das ist sehr schön.