
Vanity Fair, 22.11.2007 von Raethia Corsini
Sie heißt Troisi, ist 27 Jahre alt und von Beruf Astrophysikerin. Doch abends, nach den Simpsons, schreibt sie Bücher und taucht in eine andere Welt ein.
„Es ist durchaus möglich, dass ein Ball, der mit Wut gegen eine Wand geschleudert wird, diese Wand durchdringt. Das ist Quantenmechanik. Das Subatomare steckt voller Paradoxien. Ein Beispiel: Bewegt man sich mit Lichtgeschwindigkeit, bleibt die Zeit stehen. Ist das nicht wunderbar absurd?“ Licia Troisi, 27-jährige Römerin, ist Astrophysikerin („Das bedeutet, dass ich die Sterne beobachte und Modelle von Satelliten entwickele, die in den Orbit geschossen werden sollen.“), doch auch der neue Star der italienischen Fantasy-Literatur: Zwei Trilogien in drei Jahren („Die Drachenkämpferin“ und „Die Schattenkämpferin“). 500.000 verkaufte Exemplare, Übersetzungen in sieben Sprachen. Mitte November erscheint „Un Nuovo Regno“ (dt.: „Der Fluch der Assassinen“), der letzte Band der zweiten Trilogie. Ohne großes Aufsehen erobert Licia weiterhin die Fans zwischen 13 und 20, die sie für eine Art Göttin halten. Verkleidet wie die Helden der Aufgetauchten Welt treffen sie sich auf Festen und Zusammenkünften (ein Blick auf die Website www.liciatroisi.it und ihren Blog bestätigen das). Dabei hat die Aufgetauchte Welt, wie die Autorin betont „nichts mit meinem Beruf als Astrophysikerin zu tun, so wie alle immer denken.“
An Mangas und Berserk, meinem Lieblingscomic.
Das ist ein Landstrich so groß wie Europa in einer Parallelwelt, in dem Männer, Frauen, Gnome, Halbelfen und meine Kämpferinnen leben.
Ja, die subatomare, von der niemand weiß, wie sie funktioniert.
Wer weiß.
Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Ich habe den Roman neun Mal gelesen, so möchte ich schreiben.
Meine Mutter denkt, dass ich Mord rechtfertige, aber das stimmt nicht. Ich verherrliche die Gewalt nicht, ich nutze sie als extremes Mittel, um etwas anderes zum Ausdruck zu bringen. Wenn in Mangas zwei Figuren gegeneinander kämpfen, dann erleben sie ein existenzielles Wachstum, Auge in Auge entdecken sie dabei sich selbst. Das ist eine Metapher: Das Leben ist ein ständiger Kampf, eine Herausforderung, die jeden Tag neu angenommen werden muss.
In meinen Geschichten wird für das Gute gekämpft. Jedes Abenteuer ist Teil meiner Entwicklung. Und wenn sich darin jemand wiederfindet, freut es mich. Auch wenn mich die Leute erschrecken, die nach der Lektüre eines Buches meinen, sie seien so wie ich.
Das ist eine Illusion: In meinen Texten stecke ich ja nicht vollständig. Aber ich will die Menschen nicht enttäuschen. Einmal hat ein Mädchen mir geschrieben: „Deinetwegen habe ich angefangen zu lesen.“ Das hat mir gefallen und mir gezeigt, dass Geschriebenes wirkungsvoll ist und mit Sorgfalt behandelt werden muss. Es beeindruckt mich, wie die Inspiration von mir zu anderen überspringt. Die Cover beispielsweise zeichnet Paolo Barbieri nach dem, was ich geschrieben habe. Durch ihn bekommen meine Geschichten eine neue Form.
Nein, ich interessiere mich mehr für die Grundlagenforschung und dass der Hang zum Hass in allen Menschen angelegt ist.
Ich weiß nicht, ob die Welt dann eine bessere wäre: Sehen Sie sich Condoleezza Rice an. Meine Entscheidung war autobiografisch – Nihal ist ein bisschen ich – und technisch: Ich bin noch nicht in der Lage, mich in einen Mann hineinzuversetzen. Außerdem geben die Frauen ja immer den Ton an.
Auf der einen Seite steht die gesellschaftliche Anerkennung, auf der anderen Seite die Familie: Bei mir zuhause hat meine Mutter das Kommando. Ich glaube an die Gleichberechtigung der Geschlechter und an ihre Unterschiedlichkeit: Wir haben unterschiedliche Hirne. Frauen sind konkreter, aber auch unbarmherziger, entschiedener und neurotischer als Männer. Die Männer sind unsere Anker. Bei mir ist das mein Ehemann Giuliano und so ist das auch in meiner Fantasy.
Geduld und Ausgeglichenheit: Er besänftigt meine Zornesausbrüche, mein größter Fehler, und mildert meinen Hang, mich als Opfer zu fühlen. Wenn ich negative Kritiken lese, dann bricht die Welt für mich zusammen.
Irgendjemand hat mal so was geschrieben: Wieso hat diese junge Anfängerin ausgerechnet bei Mondadori veröffentlicht? Ich habe lange geheult.
‚Ich versuch es mal’, dachte ich und habe mein Manuskript samt einer gezeichneten Karte der Aufgetauchten Welt hingeschickt. Nach drei Monaten riefen sie mich an. Das hört sich wie ein Märchen an, aber es stimmt.
Fantasy bietet einen Rückzugsort: In diesen Geschichten kämpfen Helden für hohe Ideale, während wir immer mehr für erbärmliche Werte leben, zum Beispiel wer von den Freundinnen das schönste Kleid hat.
Weltweite Gerechtigkeit. Ich weiß nicht, ob man sie durch kleine alltägliche Dinge erreicht, doch damit fange ich an.
Ich versuche, den Menschen, die mich umgeben, weniger weh zu tun.
Mir nicht wieder die 15 Kilo anfuttern, die ich abgenommen habe, weniger negativ sein und aufhören, Dinge zu zerschmeißen, wenn ich wütend bin: Wenn die Wut verraucht ist, und ich vor dem kaputten Teil stehe, fühle ich mich einfach jämmerlich.
Ich habe einen Zeitvertrag, der Ende des Monats ausläuft, ich muss Miete bezahlen, die Küche ist so klein, dass ich nicht mal zwei Eimer für die Mülltrennung aufstellen kann. Lauter Dinge aus dieser Welt. Die Parallelwelt existiert nur, wenn ich schreibe.
Abends, nach dem Essen mit meinem Mann und einer Simpsons-Folge. Dann setze ich mich an den Computer: fünf Seiten in zwei Stunden. Danach gehe ich ins Bett und lese noch etwas.
Er spielt am alten Computer.
Ich lese alles: Wenn ich nicht lesen würde, könnte ich keine Zeile schreiben.
Beides und Mangas.
Es gibt ein streng geheimes Projekt bei Mondadori. Außerdem beende ich gerade ein Buch im Fantasy-Stil für VerdeNero über die Ökomafia. Das kommt im Frühjahr heraus.
Sie haben mich gefragt, und das ist mein momentanes Schlachtfeld, hoffentlich schaff ich das.
Meinen Eltern. Sie haben mich nie unterdrückt. Und sie haben mir eine riesige Bibliothek zur Verfügung gestellt.